Wie viel bringt MTB-Tourismus der Region? Was Studien sagen

Die wirtschaftliche Wirkung von MTB wird oft überschätzt oder unterschätzt — seriöse Wertschöpfungsanalysen erfordern methodische Strenge.

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Viele Bikes vor Einkehr von Harald Maier
Oberösterreich Bad Goisern | Einkehrschwung | © Harald Maier / ambi

Primär für: Gemeinde

Warum manche Wertschöpfungsstudien Gemeinderäte in die Irre führen — und wie Sie als Kommune belastbare Zahlen erhalten

Was Zahlen wirklich belegen — und wo Studien zu optimistisch rechnen

Wenn Gemeinden über Investitionen in Mountainbike-Infrastruktur entscheiden, stehen häufig beeindruckende Zahlen im Raum: Millionenumsätze, hunderte Arbeitsplätze, zweistellige Renditen auf jeden investierten Euro. Doch die methodische Qualität solcher Wertschöpfungsstudien schwankt erheblich — von wissenschaftlich fundiert bis interessengeleitet geschönt. Für Gemeinderäte und Verwaltungen ist es entscheidend, seriöse Analysen von Gefälligkeitsgutachten unterscheiden zu können. Dieser Artikel vermittelt das methodische Rüstzeug, um regionalökonomische Studien kritisch zu bewerten und bei Bedarf selbst eine belastbare Erhebung zu beauftragen.

Das Grundproblem: Wertschöpfung ist nicht gleich Wertschöpfung

Was Wertschöpfungsanalysen tatsächlich messen

Die regionalökonomische Wirkung von Tourismus wird in drei Stufen erfasst: Direkte Effekte entstehen durch unmittelbare Ausgaben der Gäste in Gastronomie, Beherbergung und Handel. Indirekte Effekte resultieren aus Vorleistungsverflechtungen — etwa wenn das Hotel Lebensmittel vom lokalen Bauern bezieht. Induzierte Effekte entstehen, wenn die zusätzlichen Einkommen der Beschäftigten wiederum regional ausgegeben werden.

Das Europäische Tourismusinstitut Trier unterscheidet methodisch zwischen Bruttoumsatz (Tagesausgaben inklusive Mehrwertsteuer), Nettoumsatz, Einkommenswirkungen der ersten Umsatzstufe und Vorleistungseffekten der zweiten Stufe. Diese Differenzierung ist zentral: Eine Studie, die nur Bruttoumsätze ausweist, suggeriert höhere Wirkungen als tatsächlich in der Region verbleiben.

Wo Studien systematisch überschätzen

Fehlende MTB-Spezifität: Die meisten verfügbaren Wertschöpfungsstudien erfassen den gesamten Radtourismus, ohne zwischen Radwandern, Gravel und Mountainbike zu differenzieren. Die ADFC-Radreiseanalyse 2024 ermittelt durchschnittliche Tagesausgaben von 117 Euro pro Person — doch ob Mountainbiker mehr oder weniger ausgeben, wird nicht isoliert. Eine Schweizer Studie aus Luzern zeigt, dass MTB-Gäste mit 220 CHF pro Tag deutlich über dem Durchschnitt liegen — aber diese Zahl lässt sich nicht ohne weiteres auf alpine Kleingemeinden übertragen.

Doppelzählungen bei Multiplikatoreffekten: Wenn indirekte und induzierte Effekte addiert werden, besteht das Risiko von Überschätzungen. Die Vorleistungsverflechtungen hängen stark von der regionalen Wirtschaftsstruktur ab. In einer Gemeinde mit wenig lokaler Wertschöpfungskette fließt ein Großteil der Ausgaben ab — der Multiplikator ist entsprechend niedriger.

Veraltete Basisdaten: Die Grundlagenuntersuchung Fahrradtourismus des Deutschen Tourismusverbands stammt aus dem Jahr 2009 und wird erst 2025 aktualisiert. Viele regionale Studien operieren mit Annahmen aus dieser veralteten Basis — obwohl sich Reiseverhalten, E-Bike-Verbreitung und Ausgabestrukturen seither grundlegend verändert haben.

Wo Studien systematisch unterschätzen

Enger Branchenfokus: Häufig werden nur Hotellerie und Gastronomie erfasst, während Einzelhandel, Transport, Gesundheitswesen und Freizeitindustrie unberücksichtigt bleiben. Das Mountainbike Tourismusforum Deutschland weist darauf hin, dass die ökonomischen Folgen weit über die offensichtlichen Gewinne hinausreichen.

Vernachlässigung langfristiger Effekte: Arbeitsplatzschaffung, Einkommenssteigerungen und Standortattraktivität sind langfristige Folgen, die in kurzfristigen Erhebungen nicht erfasst werden können.

Praxisbeispiel: Die Rheinland-Pfalz-Studie als methodische Referenz

Die 2007 vom Europäischen Tourismusinstitut Trier durchgeführte Studie gilt als methodischer Goldstandard für regionalökonomische Radtourismusanalysen im deutschsprachigen Raum. Die Erhebung erstreckte sich über ein komplettes Jahr, um saisonale Schwankungen abzubilden. Über 5.500 Personen wurden befragt, mehr als 2.200 reichten detaillierte Ausgabenprotokolle ein, und an vier Radwegen wurden über 46.000 Radfahrer gezählt.

Das Ergebnis: Eine jährliche Wertschöpfung von rund 340 Millionen Euro — zehn Prozent der gesamten touristischen Wertschöpfung des Bundeslandes. Den geschätzten Infrastrukturkosten von 83 Millionen Euro stand eine jährliche Wertschöpfung von 71 Millionen Euro gegenüber.

Was diese Studie auszeichnet: Sie kombiniert Zählungen (Frequenzmessung), Befragungen (Ausgabenstruktur) und ökonomische Modellierung (Vorleistungsverflechtungen). Sie differenziert zwischen Tagesgästen (17,4 Mio.) und Übernachtungsgästen (1 Mio.). Und sie wurde vom Land beauftragt, nicht von Interessenverbänden.

Was sie nicht leistet: Eine Differenzierung nach Radtypen. MTB-spezifische Effekte müssten gesondert erhoben werden.

Was bedeutet das für Ihre Gemeinde?

✔ Chancen

  • Belastbare Zahlen für politische Entscheidungen: Eine methodisch saubere Studie schafft Legitimation für Infrastrukturinvestitionen gegenüber kritischen Gemeinderäten und Grundeigentümern.
  • Vergleichbarkeit: Standardisierte Methodik ermöglicht den Vergleich mit anderen Regionen und die Einordnung des eigenen Potenzials.
  • Förderfähigkeit: Professionelle Wertschöpfungsanalysen sind oft Voraussetzung für touristische Förderprogramme.

⚠ Risiken

  • Kostenintensive Erhebungen: Eine Jahresstudie mit Befragungen und Zählungen übersteigt die Budgets der meisten Kleingemeinden.
  • Fehlsteuerung durch Gefälligkeitsgutachten: Von Interessenverbänden finanzierte Studien können methodisch fragwürdig sein und politische Fehlentscheidungen begünstigen.
  • Übertragbarkeitsproblem: Zahlen aus anderen Regionen lassen sich nicht einfach auf die eigene Gemeinde umlegen — Wirtschaftsstruktur, Erreichbarkeit und Saisonalität unterscheiden sich erheblich.

➡ Empfehlung

Beauftragen Sie keine eigene Großstudie, sondern nutzen Sie vorhandene regionale Daten und ergänzen Sie diese durch eine fokussierte Erhebung: Gästebefragungen an zwei bis drei Wochenenden in der Hauptsaison, kombiniert mit einer Frequenzmessung. Lassen Sie die Daten von einer unabhängigen Institution (Hochschule, Tourismusnetzwerk) auswerten.

Stimmen der Stakeholder

Tourismusorganisationen: Für Destinationsmanager sind belastbare Wertschöpfungszahlen ein zentrales Argument gegenüber Geldgebern und Politik. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass optimistische Studien unrealistische Erwartungen wecken, die später nicht erfüllt werden können.

Forstwirtschaft und Grundeigentümer: Grundeigentümer reagieren skeptisch auf pauschale Wertschöpfungsversprechen, wenn sie selbst keine direkten Einnahmen aus dem MTB-Tourismus sehen. Sie fordern nachvollziehbare Zahlen zur tatsächlichen lokalen Verteilung der Wertschöpfung.

MTB-Verbände: Die DIMB betont, dass Mountainbiken erheblich zur Wertschöpfung in touristischen Regionen beiträgt — besonders in strukturschwachen Gegenden. Gleichzeitig räumen Verbandsvertreter ein, dass viele Initiativen von lokalen Mountainbikern angestoßen werden und die professionelle Datenerhebung erst nachträglich erfolgt.

Quellen & Nachweise

  • Europäisches Tourismusinstitut Trier (2007): Regionalökonomische Auswirkungen des Radtourismus in Rheinland-Pfalz
  • ADFC-Radreiseanalyse / ZIV (2024): Radreiseverhalten und Ausgabenstrukturen in Deutschland
  • Deutscher Tourismusverband / BMWi (2009): Grundlagenuntersuchung Fahrradtourismus in Deutschland
  • Mountainbike Tourismusforum Deutschland (2024): Wirtschaftliche Effekte Stoneman Miriquidi
  • Universität Bern (2022): E-Mountainbikes fordern nachhaltigen Tourismus heraus
  • DIMB-Stellungnahme Bundestagsausschuss Tourismus (2024)

Artikel-Signatur (intern): Kapitel: Kap. 7 Wirkung | Kernbegriffe: Wertschöpfungsanalyse, Regionalökonomie, Methodik, Multiplikatoreffekte, Radtourismus | Kernthese-Hash: METHODIK-KRITISCH-BEWERTEN


Ein Beitrag aus dem ambi Wissensportal · Mit KI-Unterstützung erstellt, redaktionell geprüft · Version 1.0 | April 2026
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