Die ambi Mountainbike-Strategie 2030: Ziele, Maßnahmen, Meilensteine
Österreichs Transformation zur Bike-Nation erfordert koordinierte Investitionen in Infrastruktur, Governance und Kommunikation — die Mountainbike-Strategie liefert den Rahmen für 24.000 km Routen und 2.400 km Trails bis 2035.
Primär für: Politik
Ein Handlungsrahmen für Landespolitik, Gemeinden und Tourismusorganisationen
Mountainbiking hat sich in Österreich vom Nischensport zum wirtschaftlich relevanten Tourismusfaktor entwickelt. Mit 835 Millionen Euro direktem Jahresumsatz und 13.400 Arbeitsplätzen im ländlichen Raum ist der Sektor bereits heute ein Wirtschaftszweig, der politische Aufmerksamkeit verdient. Die Bundesregierung hat im April 2024 den Startschuss für eine nationale Mountainbike-Strategie gegeben. Dieser Artikel erklärt die zentralen Zielwerte, zeigt auf, wo die größten Steuerungshebel liegen — und benennt die offenen Fragen, die politisch noch zu klären sind.
Die zehn Kapitel: Was regelt die Strategie?
Die von ambi entwickelte Mountainbike-Strategie Österreich gliedert sich in zehn Kapitel, die Mountainbiking als Querschnittsmaterie behandeln — von Infrastruktur über Naturschutz bis zur Gesundheitsförderung.
Kapitel 1–3 legen die Grundlagen: Vision, Infrastrukturziele, rechtliche Rahmenbedingungen und die Verknüpfung mit Naturschutz. Kapitel 4–6 behandeln Kommunikation, Vernetzung und Innovation — einschließlich digitaler Lenkungssysteme und Ausbildungskonzepte. Kapitel 7–9 fokussieren auf gesellschaftliche Wirkungen: Gesundheit, Förderstrukturen und operatives Trail-Management. Kapitel 10 schließt mit der ökonomischen und sozialen Wertschöpfung ab.
Für die politische Steuerung sind drei Ebenen zentral: erstens die quantitativen Infrastrukturziele, zweitens die Koordinationsstruktur zwischen Bund, Ländern und Gemeinden, drittens die Frage, wie bestehende Konflikte zwischen Nutzergruppen und Grundeigentümern geregelt werden.
Die konkreten Zielwerte: 24.000 Kilometer Routen, 2.400 Kilometer Trails
Das zentrale Infrastrukturziel der Strategie lautet: 24.000 Kilometer blaue Routen (leichte, familientaugliche Strecken auf bestehenden Wegen) und 2.400 Kilometer Trails (eigens angelegte Strecken mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden) innerhalb von zehn Jahren.
Diese Zahlen wirken ambitioniert — doch sie spiegeln eine klare Logik: Österreich verfügt bereits über ein offiziell kommuniziertes Streckennetz von rund 27.800 Kilometern. Dabei handelt es sich allerdings um touristische Bruttokilometer — eine Zahl, die Mehrfachbefahrungen derselben Strecke auf verschiedenen Routen, Talradwege und öffentliche Straßen einschließt. Die tatsächlichen Netto-Vertragskilometer, also die Länge der real freigegebenen Offroad-Strecken, liegt deutlich darunter.
Ein anschauliches Beispiel liefert das Innere Salzkammergut: Aus rund 235 Kilometern Vertragsstrecke wird dort ein beschildertes Wegenetz von 1.450 Kilometern generiert — der Trailanteil beträgt dabei weniger als zehn Kilometer.[2] Dieses Verhältnis verdeutlicht, dass die kommunizierten Streckenlängen als Marketingzahlen zu verstehen sind, nicht als Maß für die tatsächlich verfügbare Mountainbike-Infrastruktur.
Die Verteilung ist zudem höchst ungleich. Während in Tirol und Salzburg 42 Prozent der Forststraßen für Mountainbiker freigegeben sind, liegt dieser Wert in anderen Bundesländern teilweise unter zehn Prozent.
Die politische Herausforderung besteht weniger im Neubau als in der Koordination bestehender Infrastruktur, der Ausweitung auf bisher unterversorgte Regionen und der Qualitätssicherung. Die Strategie sieht daher keine zentrale Planungsbehörde vor, sondern ein Koordinationsmodell, das regionale Eigeninitiative fördert und gleichzeitig gemeinsame Standards etabliert.
Wo liegt das größte Steuerungspotenzial?
Für Landespolitik und Gemeinden ergeben sich drei zentrale Handlungsfelder:
Regionale Ungleichverteilung ausgleichen
Die wirtschaftlich stärksten Effekte entstehen dort, wo bisher wenig passiert ist. Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark haben laut ambi-Analyse das größte Aufholpotenzial. Das Burgenland könnte sich als familienfreundliche E-Mountainbike-Destination positionieren. Für die Politik bedeutet das: Die Förderlogik sollte nicht primär etablierte Tourismuszentren stärken, sondern gezielt strukturschwache Regionen erschließen.
Haftungsfragen klären und Grundeigentümer einbinden
Die Freigabe von Forststraßen scheitert häufig an ungeklärten Haftungsfragen. Die Strategie sieht Nutzungsverträge vor, bei denen Gemeinden oder Tourismusorganisationen die Halterpflichten nach § 1319a ABGB übernehmen. Diese Konstruktion entlastet Grundeigentümer rechtlich und erhöht die Bereitschaft zur Freigabe. Politisch erfordert das eine aktive Rolle der Gemeinden als Vertragspartner — nicht nur als Genehmigungsbehörden.
Die Mountainbike-Koordinationsstelle: Zentrale Steuerungsinstanz seit 2025
Ein Meilenstein der Umsetzung wurde Ende 2025 erreicht: Die Mountainbike-Koordinationsstelle Österreich hat ihre Arbeit aufgenommen.[1] Mit Karl Morgenbesser und Thorsten Schmitz wurden zwei erfahrene Fachleute mit der Leitung beauftragt. Die Stelle fungiert als zentrale Schnittstelle zwischen den relevanten Bundesministerien (Sport, Forst, Tourismus, Mobilität), den Bundesländern, Tourismusorganisationen und der Forstwirtschaft.
Die Kernaufgaben umfassen:
- Strategieentwicklung: Erarbeitung eines österreichweiten Rahmens für die legale Mountainbike-Infrastruktur
- Stakeholderdialog: Moderation zwischen Sport, Tourismus, Waldeigentümern und Naturschutz
- Angebotsausbau: Deckung der hohen Nachfrage an Trails unter Berücksichtigung von Eigentumsrechten und Naturschutz
Die Finanzierung der Stelle durch vier Bundesministerien und die Bundesländer signalisiert politischen Willen zur ressortübergreifenden Zusammenarbeit. Entscheidend für den Erfolg wird sein, ob die Koordinationsstelle über bloße Informationsfunktionen hinaus tatsächlich verbindliche Steuerungsimpulse setzen kann — etwa bei der Harmonisierung von Förderkriterien oder der Etablierung einheitlicher Qualitätsstandards.
Saalbach-Hinterglemm: Was zeigt das Erfolgsmodell?
Die Region Saalbach-Hinterglemm-Leogang-Fieberbrunn gilt als Blaupause für erfolgreiche Mountainbike-Entwicklung. Mit 105 Kilometern angelegter Trails, neun Bergbahnen und einem Wegenetz von über 400 Kilometern erreicht die Region einen Mountainbike-Marktanteil von etwa 20 Prozent am Sommertourismus — genau jener Zielwert, den die ambi-Strategie für ganz Österreich anstrebt.
Zum Vergleich: Der österreichische Durchschnitt liegt bei etwa vier Prozent. Riva del Garda in Italien erreicht 43 Prozent. Diese Zahlen zeigen das Potenzial — aber auch die Distanz zwischen Ist-Zustand und Vision.
Politisch lehrreich ist der Entwicklungspfad: In Sölden stiegen die Bergfahrten im Sommerradtourismus von 50.000 (2014–2016) auf 232.300 im Jahr 2021. Diese Steigerung war kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Infrastrukturinvestitionen, Kooperation mit Bergbahnen und professioneller Vermarktung. Für andere Regionen bedeutet das: Ohne koordinierte Investitionen bleibt das Potenzial ungenutzt.
Was die Strategie nicht löst: Offene Steuerungsfragen
Green Paper versus verbindliche Ziele
Die Strategie ist als Green Paper konzipiert — ein Diskussionsdokument, kein Gesetz. Die Frage, welche Zielwerte politisch verbindlich werden, bleibt offen. Für die Umsetzung macht das einen erheblichen Unterschied: Ohne verbindliche Meilensteine fehlt der Steuerungsdruck. Die neu eingerichtete Koordinationsstelle könnte hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie konkrete Umsetzungspläne mit messbaren Zwischenzielen entwickelt.
E-Mountainbike und ökologische Folgen
Der E-Mountainbike-Anteil stieg von 23 Prozent (2019) auf 47 Prozent (2024). Das erschließt neue Zielgruppen, erhöht aber auch die räumliche Reichweite und potenziell die Nutzungsintensität in bisher wenig erschlossenen Gebieten. Forschende der Universität Bayreuth weisen darauf hin, dass die ökologischen Folgen mit zunehmender E-Mountainbike-Nutzung ausgeprägter werden könnten. Hier besteht Forschungs- und Regulierungsbedarf.
Interessenausgleich mit Forstwirtschaft und Naturschutz
Die Strategie betont Kooperation statt Konfrontation. Selbst konservative Akteure wie die Landwirtschaftskammer stehen hinter dem Ansatz. Doch die Umsetzung erfordert kontinuierliche Vermittlung auf lokaler Ebene — besonders dort, wo Jagd-, Forst- und Erholungsinteressen konkurrieren. Die Koordinationsstelle ist explizit mit der Moderation dieser Interessenkonflikte beauftragt — ein anspruchsvoller Auftrag, dessen Erfolg von der Akzeptanz aller Beteiligten abhängt.
Stimmen der Stakeholder
Tourismusorganisationen: Die Branche sieht im Mountainbiking ein Sommerprodukt mit hoher Wertschöpfung. Die Zielgruppe ist kaufkräftig, die Aufenthaltsdauer überdurchschnittlich. Das Interesse an Infrastrukturförderung ist hoch — ebenso die Erwartung, dass politische Rahmenbedingungen die Investitionssicherheit erhöhen.
Grundeigentümer und Forstwirtschaft: Die Bereitschaft zur Freigabe von Wegen hängt wesentlich von der Haftungsfreistellung ab. Nutzungsverträge werden grundsätzlich positiv bewertet — unter der Voraussetzung, dass die Kommunen ihre Rolle als Vertragspartner aktiv wahrnehmen.
Naturschutz: Gut geplante und gepflegte Wege reduzieren unkontrollierte Nutzung. Die Strategie wird als Chance gesehen, Lenkungseffekte zu erzielen — sofern ökologisch sensible Gebiete konsequent ausgespart werden.
Was bedeutet das für die Politik?
✔ Chancen:
- Wirtschaftliche Impulse für strukturschwache Regionen durch gezielten Infrastrukturausbau
- Klare Rechtsgrundlagen für Haftungsfragen erhöhen die Freigabebereitschaft
- Koordinierte Strategie ermöglicht Synergien zwischen Tourismus, Forstwirtschaft und Naturschutz
- Die Koordinationsstelle bietet erstmals eine bundesweite Anlaufstelle für alle Stakeholder
⚠ Risiken:
- Ohne verbindliche Zielwerte bleibt die Strategie ein Papier ohne Steuerungswirkung
- E-Mountainbike-Effekte auf Natur und Raumnutzung sind noch nicht ausreichend erforscht
- Regionale Umsetzung hängt stark von lokaler Koordinationskapazität ab
- Die Wirksamkeit der Koordinationsstelle muss sich in der Praxis erst beweisen
➡ Empfehlung: Prüfen Sie, welche Elemente der Strategie in Ihrem Zuständigkeitsbereich umsetzbar sind. Beginnen Sie mit der Klärung der Haftungskonstruktion für bestehende Wege — das ist der schnellste Hebel für mehr Freigaben. Nehmen Sie Kontakt zur Koordinationsstelle auf, um regionale Vorhaben in den bundesweiten Rahmen einzubetten.
Quellen und Nachweise
- ambi Mountainbike-Strategie Österreich v1.0 (Green Paper), 2024
- Studie Wirtschaftsfaktor Radfahren, BMAW 2022
- Kuwaczka et al., Meta-Analyse Umweltfolgen Mountainbiking, Universität Bayreuth 2024
- T-Mona Tourismusmonitor, Wirtschaftsministerium Österreich
- Praxisdaten Saalbach-Hinterglemm-Leogang, Tourismusverband 2024
Artikel-Signatur (intern): Kapitel: Kap. 1 Grundlagen | Kernbegriffe: Mountainbike-Strategie, Infrastrukturziele, Koordinationsstelle, Haftungsmodelle, regionale Ungleichverteilung | Kernthese-Hash: MTB-AT-2030-Ziele
Quellen & Nachweise
- Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport: Mountainbike-Koordinationsstelle, https://www.bmwkms.gv.at/themen/aktuell/mountainbike-koordinationsstelle.html (Stand: Ende 2025)
- ambi-interne Analyse zur Unterscheidung von Brutto- und Netto-Streckenkilometern, basierend auf Praxisdaten Inneres Salzkammergut (Stand: 2024)
Ein Beitrag aus dem ambi Wissensportal · Mit KI-Unterstützung erstellt, redaktionell geprüft · Version 1.2 | Juni 2026
Die Inhalte dienen der Orientierung — für konkrete Vorhaben empfehlen wir fachkundige Begleitung.