Mountainbiking als demografischer Wandel: Was die Zahlen für kommunale Planung bedeuten
E-MTB und steigende Nutzerzahlen zwingen Gemeinden zu einer Neubewertung ihrer Planungsgrundlagen: Mountainbiking ist längst kein Sport für junge Männer mehr, sondern ein demografisch breites Phänomen, das neue Infrastrukturstandards und Konfliktlösungsansätze erfordert.
E-MTB verändert Nutzerstruktur grundlegend – Gemeinden brauchen neue Planungsgrundlagen statt alter Stereotypen
Mountainbiking hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einer Sportart junger, fitter Männer zu einem breiten gesellschaftlichen Phänomen gewandelt. Für Gemeinden bedeutet das: Die bisherigen Annahmen über "typische" MTB-Nutzer sind überholt. Wer heute Infrastruktur plant, Konflikte moderiert oder touristische Potenziale einschätzt, braucht aktuelle demografische Daten – nicht die Bilder aus den 1990er Jahren. Dieser Artikel liefert die Zahlen und zeigt, welche Planungsimplikationen sich daraus ergeben.
Die Dimension: 12 Millionen Nutzer allein in Deutschland
Die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse erfasst regelmäßig die Nutzungshäufigkeit von Mountainbikes in Deutschland. Die aktuellen Zahlen zeigen eine klare Zweiteilung: Rund 4,2 Millionen Personen fahren häufig Mountainbike, weitere 8,2 Millionen nutzen ihr Rad zumindest gelegentlich – insgesamt also 12,4 Millionen Menschen. Hinzu kommen 11,5 Millionen Haushalte, in denen mindestens ein Mountainbike steht (IfD Allensbach, 2024).
In der Schweiz sind es über 500.000 Personen (knapp 8 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren), in Österreich fehlen vergleichbare nationale Erhebungen, doch die Verkaufszahlen legen eine ähnliche Größenordnung nahe. Rechnet man die verfügbaren Daten zusammen, nutzen im DACH-Raum über 8 Millionen Menschen regelmäßig ein Mountainbike – die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich noch höher, da für Österreich keine flächendeckenden Erhebungen existieren.
Für Gemeinden ist die Differenzierung zwischen "häufig" und "gelegentlich" zentral: Die 4,2 Millionen Intensivnutzer in Deutschland generieren den Großteil der Infrastrukturbelastung, während die 8 Millionen Gelegenheitsfahrer primär als touristische Zielgruppe oder für wohnortnahe Angebote relevant sind.
Der demografische Bruch: E-MTB als Gamechanger
Die entscheidende Strukturverschiebung der letzten fünf Jahre ist die Elektrifizierung. 2024 waren in Deutschland von 874.000 verkauften Mountainbikes nur noch 54.000 ohne Motor – der E-MTB-Anteil liegt damit bei über 90 Prozent. In Österreich erreichte der E-Bike-Anteil am Gesamtfahrradmarkt 57 Prozent, europäischer Spitzenwert (VSSÖ, 2025; ZIV, 2025).
Eine Studie der Universität Bern belegt die demografischen Konsequenzen: E-Mountainbiker sind im Durchschnitt älter, finanzkräftiger und weniger leistungsorientiert als Nutzer konventioneller Mountainbikes. Das birgt wirtschaftliches Potenzial, aber auch neue Konfliktlagen (Moesch et al., 2022).
Konkret bedeutet das für die Nutzerstruktur:
- Das Durchschnittsalter im Segment "Tour" liegt bei 45 Jahren gegenüber 40 Jahren im Gesamtdurchschnitt
- Der Frauenanteil steigt – im Tour-Segment ist er überdurchschnittlich hoch
- Die Reichweiten nehmen zu: E-MTB-Nutzer erschließen Gebiete, die früher nur trainierten Fahrern zugänglich waren
- Die Motivlage verschiebt sich: Gesundheit, Naturerlebnis und Alltagsausgleich dominieren über sportlichen Ehrgeiz
Der Deutsche Alpenverein dokumentiert diese Verschiebung präzise: Während die Gesamtzahl der MTB-fahrenden DAV-Mitglieder zwischen 2017 und 2022 von 530.000 auf 450.000 zurückging, stieg die E-MTB-Nutzung im gleichen Zeitraum von 74.000 auf 189.000 – eine Verdreifachung (DAV, 2024).
Zielgruppensegmente: Warum "der Mountainbiker" nicht existiert
Der Mountainbike-Monitor des Tourismusforums Deutschland hat erstmals für den deutschsprachigen Raum eine systematische Zielgruppensegmentierung vorgenommen. Das größte Segment ist "AMEN" (All Mountain/Enduro) mit etwa 65 Prozent der Biker. Für diese Gruppe ist die Wegebeschaffenheit neben dem Naturerlebnis das zentrale Kriterium. Das Tour-Segment mit dem höchsten Altersdurchschnitt betont dagegen Gesundheit und Alltagsausgleich (MTB-Monitor 2018/2021).
Diese Differenzierung hat unmittelbare Planungsrelevanz: Eine Gemeinde, die primär Tour-affine E-MTB-Nutzer anspricht, braucht andere Infrastruktur als eine Region, die All-Mountain-Fahrer adressiert. Breite, steigungsarme Wege versus technisch anspruchsvolle Trails – die Investitionsentscheidung hängt von der Zielgruppe ab.
Das Problem: Viele Gemeinden operieren noch mit dem Bild des "jungen Extremsportlers", während ihre tatsächliche Nutzerschaft zu 60-70 Prozent aus moderaten Tour- und Genussfahrern mittleren Alters besteht.
Praxisbeispiel: graubündenBIKE als kantonsweite Planungsgrundlage
Der Kanton Graubünden hat mit dem Projekt "graubündenBIKE" einen systematischen Ansatz gewählt, der die heterogene Nutzerstruktur berücksichtigt. Ein Handbuch mit verbindlichen Qualitätsstandards erlaubt es einzelnen Destinationen, ihr Angebot zielgruppenspezifisch zu entwickeln – unter einem gemeinsamen Label.
Michael Caflisch, Leiter Tourismusentwicklung im Amt für Wirtschaft und Tourismus, bilanziert: "Durch das Projekt konnten wir den Mountainbike-Tourismus in Graubünden nachhaltig ins Rollen bringen, gemäss Umfragen darf sich Graubünden mittlerweile wohl als die führende Mountainbike-Region der Schweiz bezeichnen."
Der Erfolgsfaktor war nicht das Budget, sondern die Methodik: Jährliche Tagungen mit rund 100 Teilnehmenden aus allen relevanten Sektoren, standardisierte Werkzeuge für die Angebotsentwicklung und – zentral – eine datenbasierte Zielgruppendefinition statt Bauchgefühl (regiosuisse, 2023).
Österreich: Datenlücke schließen mit der ambi MTB-Bilanz
Während Deutschland mit der Allensbacher Analyse und die Schweiz mit "Sport Schweiz" belastbare Grundlagenerhebungen haben, fehlte für Österreich lange eine vergleichbare Datenbasis. ambi hat darauf reagiert: Mit der ambi MTB-Bilanz (mountainbike.at/mtb-bilanz/) steht seit 2024 ein digitales Analysetool zur Verfügung, das erstmals regionenspezifische Kennzahlen für österreichische Gemeinden und Destinationen liefert (ambi, 2024).
Die MTB-Bilanz ermöglicht es jeder Region, die Anzahl aktiver Mountainbiker in ihrem Einzugsgebiet zu ermitteln – differenziert nach Nutzertypen und auf Basis aktueller Datengrundlagen. Für Gemeinden bedeutet das: Statt auf unsichere Schätzungen oder die pauschale Übertragung deutscher Verhältnisse angewiesen zu sein, können sie mit konkreten Zahlen für ihre Region arbeiten.
Das Tool adressiert einen klaren Forschungsbedarf: Die topografische Struktur, das Wegenetz und die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich unterscheiden sich deutlich von Deutschland und der Schweiz. Eine direkte Übertragung von DACH-Durchschnittswerten führt zu Fehlplanungen. Die MTB-Bilanz schafft hier erstmals eine österreichspezifische Planungsgrundlage – ein wichtiger Baustein zur Professionalisierung kommunaler MTB-Planung.
Fazit
Die demografische Struktur des Mountainbikings hat sich fundamental gewandelt: älter, weiblicher, weniger sportlich-kompetitiv, aber mit höherer Kaufkraft und größeren Reichweiten durch E-MTB. Gemeinden, die ihre Planungen auf dem Stereotyp des "jungen Extremsportlers" aufbauen, verfehlen ihre tatsächliche Nutzerschaft. Der erste Schritt für jede evidenzbasierte Planung ist die Erhebung der lokalen Ist-Situation – pauschale DACH-Zahlen ersetzen keine Kenntnis der eigenen Gemeinde. Für österreichische Gemeinden bietet die ambi MTB-Bilanz einen niedrigschwelligen Einstieg in die datenbasierte Planung.
Nutzen-Modul
Für Gemeinden:
- ✔ Fundierte Zielgruppendaten ermöglichen gezielte Infrastrukturinvestitionen statt Gießkannenprinzip
- ⚠ Planungen auf Basis veralteter Nutzerbilder führen zu Fehlinvestitionen und ungenutzter Infrastruktur
- ➡ Lokale Nutzerbefragung durchführen oder ambi MTB-Bilanz nutzen, bevor Infrastrukturentscheidungen getroffen werden
Für Tourismusorganisationen:
- ✔ E-MTB-Nutzer sind kaufkraftstärker und älter – ideale Ergänzung zum Familien- und Genusssegment
- ⚠ Kapazitätsgrenzen beachten: Mehr Nutzer auf gleicher Fläche erhöht Konfliktpotenzial
- ➡ Zielgruppen-Priorisierung mit Naturschutz und anderen Nutzergruppen abstimmen
Für Grundeigentümer/Forstwirtschaft:
- ✔ Die neue Nutzergruppe ist weniger risikoorientiert und stärker regelkonform
- ⚠ Größere Reichweiten durch E-MTB bedeuten: auch bisher abgelegene Gebiete werden erschlossen
- ➡ Lenkungskonzepte proaktiv mitgestalten, bevor unkontrollierte Nutzung entsteht
Quellen & Nachweise
- IfD Allensbach (2024): Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse. Via Statista.
- ZIV – Die Fahrradindustrie (2025): Marktdaten Fahrräder und E-Bikes 2024. Berlin.
- VSSÖ (2025): Fahrradverkaufszahlen Österreich 2024. Wien.
- Moesch, C. et al. (2022): E-Mountainbikes fordern nachhaltigen Tourismus heraus. Universität Bern.
- Mountainbike Tourismusforum Deutschland (2018/2021): Mountainbike-Monitor.
- DAV (2024): Zahlen und Fakten zum Mountainbiken in Deutschland.
- regiosuisse/Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden (2023): graubündenBIKE Projektdokumentation.
- ambi (2024): MTB-Bilanz. https://mountainbike.at/mtb-bilanz/
ARTIKEL-SIGNATUR (intern): Kapitel: Kap. 1 Grundlagen | Kernbegriffe: E-MTB, Nutzerzahlen, demografischer Wandel, Zielgruppensegmentierung, kommunale Planung | Kernthese-Hash: DEMOGRAFIE-SHIFT-EMTB-2024
Ein Beitrag aus dem ambi Wissensportal · Mit KI-Unterstützung erstellt, redaktionell geprüft · Version 1.1 | Juni 2026
Die Inhalte dienen der Orientierung — für konkrete Vorhaben empfehlen wir fachkundige Begleitung.