Mountainbiking im DACH-Raum: Demografische Muster und ihre Folgen für Gemeinden

Mountainbiking ist längst kein Nischensport mehr für junge Risikotreiber, sondern wird von einer kaufkräftigen, älteren Mittelschicht geprägt – eine Erkenntnis, die Gemeinden bei ihrer Infrastrukturplanung berücksichtigen müssen.

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Mountainbiking im DACH-Raum: Demografische Muster und ihre Folgen für Gemeinden
Goldrain | Ratschill Hofschank | © Harald Maier / ambi

Warum die sozioökonomische Struktur der MTB-Nutzerschaft kommunale Planungsentscheidungen beeinflusst

Mountainbiking hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einer Nischensportart zu einem Massenphänomen entwickelt. Allein in Deutschland zählen Erhebungen rund 4,2 Millionen Menschen, die regelmäßig Mountainbike fahren – hinzu kommen etwa 12,4 Millionen Gelegenheitsnutzer. In der Schweiz sind es über eine halbe Million, Tendenz steigend. Für Gemeinden bedeutet das: Die Nutzergruppe, die lokale Wege und Infrastruktur beansprucht, ist keine homogene Szene mehr, sondern ein gesellschaftlicher Querschnitt mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Risikoprofilen und Ansprüchen. Wer heute über Wegekonzepte, Besucherlenkung oder Konfliktvermeidung entscheidet, braucht ein präzises Bild dieser Nutzerschaft.


Wer fährt Mountainbike? Demografische Realität statt Szene-Klischee

Die verbreitete Vorstellung vom jungen, risikobereiten Mountainbiker entspricht nicht mehr der Realität. Laut Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) 2024 liegt der Schwerpunkt der MTB-Nutzung in Deutschland bei Personen zwischen 30 und 60 Jahren. Männer dominieren mit etwa 75 Prozent, doch der Frauenanteil steigt – insbesondere im E-MTB-Segment.

Die sozioökonomische Struktur ist auffällig: Je höher das Haushaltseinkommen, desto wahrscheinlicher die Mountainbike-Nutzung. Dies spiegelt sich in Ausgabendaten wider – Radtouristen geben laut ADFC-Radreiseanalyse 2024 zwischen 14 und 15 Milliarden Euro jährlich für Tagesausflüge aus. Eine Schweizer Studie der Universität Bern (2022) zeigt für E-Mountainbiker ein noch deutlicheres Profil: älter, einkommensstärker, weniger leistungsorientiert als klassische MTB-Fahrer.

Für Gemeinden relevant: Diese Nutzerschaft bringt Kaufkraft mit, erwartet aber auch entsprechende Infrastrukturqualität – von Parkplätzen über Beschilderung bis zu gastronomischen Angeboten.


E-MTB als demografischer Kipppunkt

Der Markt hat sich strukturell verschoben: Von 874.000 in Deutschland verkauften Mountainbikes im Jahr 2024 waren 820.000 E-MTBs – also über 93 Prozent. Der klassische „Bio-MTB"-Markt ist auf 54.000 Einheiten geschrumpft. Diese Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) sind keine Randnotiz, sondern ein Strukturbruch.

E-MTBs ermöglichen Personen ohne hohe Grundfitness den Zugang zu alpinen und hügeligen Geländen. Die Universität Bern spricht von einer „Demokratisierung des Geländezugangs" – mit ambivalenten Folgen. Einerseits erweitert sich die Zielgruppe: Ältere, weniger trainierte Nutzer, aber auch Familien können nun Strecken bewältigen, die früher Spezialisten vorbehalten waren. Andererseits steigen Unfallzahlen: In Österreich haben sich die dokumentierten Mountainbike-Unfälle laut ÖKAS innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Die Unfallstatistik korreliert mit dem Zuwachs an E-MTB-Nutzern, die technisch anspruchsvolle Strecken erreichen, ohne entsprechende Fahrtechnik mitzubringen.

Für Gemeinden kritisch: Die Haftungsfrage verschärft sich. Wer Wege als „MTB-geeignet" ausweist, muss mit einem breiteren Kompetenzspektrum der Nutzer rechnen als vor zehn Jahren.


Nutzungsverhalten: Wohnortnähe statt Alpen-Exkursion

Ein oft übersehener Befund: Rund 50 Prozent der Mountainbiker starten ihre Touren direkt vor der Haustür. Nur 18 Prozent nehmen eine Anreise von mehr als 50 Kilometern in Kauf. Das bedeutet: Die kommunale Infrastruktur in Mittelgebirgen, stadtnahen Wäldern und Naherholungsgebieten steht unter höherem Nutzungsdruck als die hochalpinen Destinationen.

Die DAV-Mitgliederbefragung 2022 zeigt zudem einen Rückgang der klassischen MTB-Touren (von 530.000 auf 450.000 Nutzer zwischen 2017 und 2022), während die E-Bike-Nutzung im selben Zeitraum von 74.000 auf 189.000 anstieg. Die Nutzerschaft wandert also nicht ab – sie verändert sich in ihrer Zusammensetzung und Anspruchshaltung.

Für Gemeinden heißt das: Das Konfliktpotenzial konzentriert sich nicht auf Tourismus-Hotspots, sondern auf wohnortnahe Wege – genau dort, wo Gemeinden zuständig sind.


Praxisbeispiel: Graubünden und das „Trail Toleranz"-Konzept

Der Kanton Graubünden hat früh erkannt, dass steigende MTB-Nutzung proaktives Management erfordert. Das 17.000 Kilometer umfassende Wegnetz steht grundsätzlich allen offen – flankiert durch das Konzept der „Trail Toleranz". Dieses wird auf gedrucktem Material, Online-Kanälen und direkt auf den Wegen kommuniziert.

In der Bike-Region Arosa-Lenzerheide werden gezielt Strecken mit hoher Frequenz von Bikern und Wanderern „entflochten" – also räumlich getrennt. Die Kommunikation erfolgt proaktiv mit Naturschutzverbänden. Marlen Schwarz, Medienverantwortliche der Region, betont den Austausch als Daueraufgabe, nicht als einmaliges Projekt.

Übertragbarkeit: Das Modell funktioniert, weil es auf drei Säulen ruht: klare Kommunikation, gezielte Entflechtung bei Hochfrequenz-Strecken und kontinuierlicher Stakeholder-Dialog. Für Gemeinden in Deutschland oder Österreich ist relevant: Ohne aktive Steuerung entstehen informelle Strukturen – illegale Trails, unkontrollierte Nutzung, eskalierende Konflikte.


Fazit: Datenbasierte Planung statt reaktives Krisenmanagement

Mountainbiking ist kein Randphänomen mehr, sondern gesellschaftliche Realität mit klaren demografischen Mustern: überwiegend männlich, 30–60 Jahre, einkommensstark, zunehmend auf E-MTBs unterwegs, vorwiegend wohnortnah aktiv. Für Gemeinden bedeutet das: Wegekonzepte müssen diese Nutzerschaft antizipieren, nicht nachträglich auf Konflikte reagieren. Die E-MTB-Revolution hat das Nutzerprofil verbreitert – mit höherer Kaufkraft, aber auch mit höheren Unfallrisiken und Anspruchshaltungen. Wer heute keine aktive Steuerung betreibt, überlässt die Entwicklung dem Zufall.


Nutzen-Modul: Stakeholder-Perspektiven

Gemeinde

  • ✔ Kaufkraftstarke Nutzergruppe mit Potenzial für lokale Wertschöpfung
  • ✔ Wohnortnahe Nutzung ermöglicht niederschwellige Angebotsentwicklung
  • ⚠ Haftungsfragen bei E-MTB-Nutzern mit geringer Fahrtechnik
  • ⚠ Konfliktpotenzial auf wohnortnahen Wegen ohne aktive Steuerung
  • ➡ Bestandserhebung der lokalen MTB-Nutzung durchführen; Hochfrequenz-Strecken identifizieren

Forstwirtschaft/Grundeigentümer

  • ✔ Kooperationsmodelle können unkontrollierte Nutzung reduzieren
  • ⚠ Rechtsunsicherheit bei Haftung bleibt bestehen
  • ➡ Frühzeitige Einbindung in kommunale Wegekonzepte einfordern

Tourismusorganisationen

  • ✔ E-MTB-Segment erschließt neue Zielgruppen (älter, zahlungskräftiger)
  • ⚠ Qualitätserwartungen an Infrastruktur steigen entsprechend
  • ➡ Angebote auf verändertes Nutzerprofil ausrichten; Anfänger-Formate integrieren

Quellen & Nachweise

  • IfD Allensbach (2024): Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) 2024
  • ZIV – Zweirad-Industrie-Verband (2025): Marktdaten Fahrräder und E-Bikes 2024
  • Bundesamt für Strassen ASTRA / Lamprecht & Stamm (2020): Mountainbiken in der Schweiz. Sport Schweiz 2020
  • BASPO (2022): Sport Schweiz light 2022
  • ÖKAS (2023): Statistik Mountainbike. In: analyse:berg Sommer 2023
  • Deutscher Alpenverein (2024): Zahlen und Fakten zum Mountainbiken in Deutschland
  • Universität Bern / Moesch, Christian et al. (2022): E-Mountainbikes fordern nachhaltigen Tourismus heraus
  • ADFC (2024): Radreiseanalyse 2024

ARTIKEL-SIGNATUR (intern): Kapitel: Kap. 1 Grundlagen | Kernbegriffe: Demografie, E-MTB, Nutzungsverhalten, DACH, Wohnortnähe | Kernthese-Hash: MTB-DACH-DEMO-2025-GEM


Ein Beitrag aus dem ambi Wissensportal · Mit KI-Unterstützung erstellt, redaktionell geprüft · Version 1.0 | Mai 2026
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